Malade Public
Konzept, Performance:
Andreas Liebmann
Ausstattung/Grafik:
Gabriela Neubauer
Künstlerische Begleitung: Beatrice Fleischlin
Produktion
Schlachthaus Theater Bern, Juni 2011
»Wenn einer seinen Breakdance macht.. dann machen sie folgendes: berühren sie ihn a) nicht oder aber schauen sie dass er sich nicht verletzt, ansonsten liegen lassen und auszappeln lassen, und dann halt die Notrufnummer rufen. Sonst nichts. Nichts selber machen. Ein Epileptiker in einem Anfall baut Kräfte auf das kann man sich nicht vorstellen. Ich hab einem Sanitäter einen arm gebrochen und dem anderen das Schienbein, meinem Hausarzt so ein Veilchen verpasst. Ich bin gegen die Wand geknallt dreimal mit dem Kopf, sie haben gesagt lasst ihn gegen die Wand donnern dann wird er wieder normal.«
Textbeispiel 2
Textbeispiel 1
»Ein grosses Gebiet deines Grossvaters: Hypophysen Operation: Zirbeldrüsen, bei der man über einen medialen Augenschnitt nach hinten geht um Adenome zu behandeln, also Tumoren, wenn einem der Hut zu klein wird. Das hat dein Grossvater in Bern erfunden. Unter dem Mikroskop konnte man das gut anschauen. Man geht neben dem Auge vorbei, der Schädelbasis entlang, man erkennt die Hypophyse als Form, vorher ist da der Türkensattel, eine knöcherne Haut, dann saugt man die Hypophyse raus. Sexualität ist dann halt zu Ende. Dein Grossvater: gutes Auftreten, imposante Figur, enormes Charisma wenn er was gesagt hat haben alle geschwiegen. Persönlich und fachlich, er konnte sehr laut sein und gut festen bei Festen hat er am Ende immer auf dem Tisch getanzt. Ich sehe deinen Grossvater immer voraus ins Marzilibad schreiten und 10 Meter hinter ihm kommt seine Frau mit dem Essen und den Badesachen. Sehr peinlich war ein Striptease, den er als Teil einer Art Performance an einem Ärztekongress in Interlaken gemacht hat. Mit über sechzig.«
Fotos/Dokumente/Videos
Während eines Monats war ich Gast in einer Residency im Schlachthaus Bern. Das Untersuchungsfeld meiner Performance - Krankheit und Öffentlichkeit - ging ich von zwei unterschiedlichen Seiten an. Einerseits liess ich mir von Passanten auf der Strasse ihre Krankheiten zeigen und erklären. Ich sprach mit Epilepsiekranken, Hypochondern, Paradontosefällen, Leistenbruchpatienten, Hautallergikern, ADHS-Teenagern und vielen weiteren. Ich stellte mich dazu mit einem Tischchen auf die Strasse, darauf ein Schild: „Sind Sie krank? Erzählen Sie“. Dann wartete ich ab, bis jemand sich zu mir setzte. Das führte oft zu sehr langen Gesprächen, mit einer leicht absurden Note. Beispielsweise als eine 65- jährige auf dem Platz vor der Zytglogge ihren Mund öffnete, mit ihren Fingern auf einzelne Zähne zeigte, und mir beschrieb, welcher Zahn welche Probleme machte. In einer Art Krankendossier notierte ich mir die Geschichten der „Patienten“ und liess mir von ihnen auch die Wege markieren, die sie durch Bern machten. Das führte dann zu einem „Krankheits-Stadtplan“ und diente mir für die Indoor-Performance, die ich für das Schlachthaus Theater dann entwickelte, als Material.
Als zweites Recherchefeld diente mir die Tatsache, dass mein Grossvater in Bern praktizierender HNO-Arzt gewesen war. Ich suchte ehemalige Studenten von ihm auf und liess mir sowohl seine Persönlichkeit wie auch die von ihm durchgeführten Operationen erklären.
Die so gefundenen Stoffe verwob ich dann zu einer Performance im Schlachthaus Theater, bei der, als Rahmen- handlung, die Zuschauer ihre Krankheiten abgeben und neue erwerben konnten.
IHRE KRANKHEIT GEHÖRT IHNEN NICHT, IHRE KRANKHEIT GEHÖRT DER STADT!